30 Jahre Beziehung & Nachfolge gingen Hand in Hand.
Heute sind mein Mann Hans und ich unfassbare 30 Jahre zusammen. Am 17.02.1996 begann unsere gemeinsame Geschichte.
Als wir uns kennengelernt haben, war ich im ersten Jahr meiner Unternehmensnachfolge. Ich war 27 und offiziell in Verantwortung. Innerlich war ich noch dabei zu verstehen, was das alles bedeutet.
1993 hatte ich bereits mein erstes eigenes kleines Unternehmen gegründet: einen CD Laden. Musik hatte immer einen großen Platz in meinem Leben und der CD Laden sorgte für Begegnungen.
Einer meiner CD-Lieferanten kam aus Hamburg. Bei einem kurzen Treffen, eigentlich nur wegen des Austauschs einer Inventurdiskette, stand er nicht allein vor mir. Neben ihm war Hans.
Mehr war es im ersten Moment nicht. Ein Blick. Ein kurzes Innehalten. Dann wieder Alltag. Zunächst war Funkstille. Und dann begannen wochenlange Telefonate. Lange Gespräche, ohne genau zu wissen, wohin das führt, aber mit dem Gefühl, dass da etwas zwischen uns ist.
Für den kleinen CD-Laden und unser Familienunternehmen mit 3.500 Mitarbeitenden trug ich bereits Verantwortung. Für Entscheidungen und für eine Familie, die genau hinschaut.
Ich war nicht einfach nur verliebt. Ich war sowieso mitten im Umbruch.
600 Kilometer trennten uns
Hans lebte damals fast 600 Kilometer entfernt in Hamburg und ich an der Mosel. Ein Jahr Fernbeziehung. Er hatte zwei Söhne, war geschieden. Ich war alleinerziehend mit einer Tochter.
Irgendwann stand die Frage im Raum: Wer bewegt sich? Es war keine leichte, aber eine bewusste Entscheidung.
Ich hatte gerade Ja gesagt zur Nachfolge im Familienunternehmen. Also war klar: Ich bleibe. Er hat sich bewegt und vieles aufgegeben. Das war kein kleiner Schritt. Das war eine Weichenstellung für uns beide.
Nachfolge betrifft immer auch den Partner
Viele sprechen über Zahlen, Verträge, steuerliche Modelle im Generationswechsel. Kaum jemand spricht darüber, was Nachfolge mit einer Beziehung macht.
Ein Umzug in eine ländliche Region. Neue Strukturen. Neue Rollen. Neue Erwartungen. Hans war plötzlich nicht nur Partner, sondern Teil unseres Systems, das über viele Jahre gewachsen war.
Nachfolge im Familienunternehmen betrifft nie nur die Unternehmerin. Sie betrifft immer auch den Menschen an ihrer Seite.
Mitgestalter im Unternehmen
Eigentlich ist mein Mann Handwerker mit 2 Berufsausbildungen. Bei uns im Unternehmen hat er im Außendienst gearbeitet, Kunden betreut, Mitarbeitende eingestellt, Verträge gemacht und war draußen für die Qualitätssicherung zuständig.
Aber das Entscheidende für mich war immer sein Blick von außen.
Er war nicht verstrickt in alte Loyalitäten. Nicht geprägt von „So machen wir das hier“. Gerade in der Unternehmensnachfolge ist dieser Außenblick enorm wertvoll. Wenn du mitten im Generationswechsel steckst, verlierst du manchmal die Distanz. Er kam aus der Stadt, ich bin ländlich aufgewachsen.
Er hat mich gespiegelt, vieles hinterfragt, mich stets bestärkt und immer den Rücken freigehalten.
Nur Männer am Tisch und ich als Nachfolgerin mittendrin
Viele Jahre saß ich in Verhandlungen und Unternehmer-Runden, die klar männlich dominiert waren. Die meisten Männer hatten ihre Ehefrauen dabei. Ich hatte meinen Mann dabei.
Wenn es ernst wurde, saß ich mit den Männern am Tisch und er stand draußen mit den Frauen. Damals eine verkehrte Welt.
Heute würde ich mir wünschen, dass es egal ist, wer wen begleitet und wer vorne steht. Dass Nachfolgerinnen im Generationswechsel nicht mehr erklären müssen, warum sie führen. Und nicht mehr beweisen müssen, dass Frau es kann. Frauen auf Dächern, auf dem Bau und an der Spitze des Familienunternehmens.
Kein Feierabend im Familienunternehmen
Wer nie Verantwortung für ein Familienunternehmen getragen hat, unterschätzt die Dauerbelastung.
Gesundheit. Finanzielle Unsicherheiten. Konflikte im Unternehmen. Entscheidungen, die nicht nur Zahlen betreffen, sondern Existenzen.
Es gibt Phasen, da weißt du nicht, wie es weitergeht. Da trägst du Zweifel unabhängig von Öffnungszeiten mit dir rum. Da ist Abschalten kein realistisches Konzept.
Das belastet eine Beziehung. Natürlich. Aber es kann sie auch stärken, wenn man offen bleibt.
Wir haben uns täglich über unsere Arbeit und den Tag ausgetauscht. Mein Mann telefonierte abends häufig, um Termine auszumachen. Ich habe oft überlegt, was am nächsten Tag ansteht. Auch im Urlaub ließen wir den Gedanken freien Lauf. Niemals hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich keine Work-Life-Balance und klare Trennung von der Firma und meinem Privatleben hatte. Ich lebte nach dem Work-Life-Blending Prinzip im positiven Sinne. Mit Abstand und außerhalb der Firma kamen mir oft die besten Ideen.
Humor als Überlebensstrategie
Was uns immer getragen hat, war unser Humor. Manchmal sehr direkt. Manchmal zynisch. Aber immer ehrlich und vor allem witzig. Lachen als Lebenselexir.
Humor ist in der Nachfolge kein Beiwerk. Er ist ein Ventil. Wenn du dauerhaft Verantwortung trägst, brauchst du Leichtigkeit. Sonst verhärtet alles.
Wir konnten alles aussprechen. Auch Dinge, die unbequem waren. Auch Zweifel. Auch Kritik. Diese Offenheit und unser Humbor war unser Sicherheitsnetz.
Rituale und gemeinsame Erlebnisse als Stabilität
Wir waren viel zusammen. Und wenn einer etwas allein erlebt hat, hat es sich nie ganz rund angefühlt.
Unser Pizza-Day mit selbstgemachter Pizza, italienischer Musik und Rotwein war viele Jahre mehr als nur ein Abendessen. Es war Verlässlichkeit.
Ich war einmal in Ägypten auf einer Tanzreise. Der Pizza-Day musste ohne mich stattfinden. Wir sprechen heute noch davon, dass wir den anderen zu sehr vermisst haben. Hans war einmal ohne mich in Schweden im Schnee unterwegs. Wir haben gemerkt: Gemeinsame Erlebnisse geben uns mehr Kraft als getrennte Abenteuer. Keiner wollte zu Hause alleine sein.
Gerade in der Unternehmensnachfolge, wo so vieles wackelt, sind gemeinsame Rituale stabilisierend. Unsere gemeinsamen Reisen gehörten nur uns. Wir haben 40 U2-Konzerte weltweit zusammen besucht. Diese gemeinsamen Erlebnisse verbinden uns einzigartig.
13 Jahre später erst geheiratet
Nach über 13 Jahren haben wir erst geheiratet. Als die Kinder groß waren. Ganz bewusst. Standesamtlich auf der Burg in Cochem, später eine freie kirchliche Trauung in Spanien. Natürlich durfte das Lied „All i want is you“ von U2 nicht fehlen. Es ist unser Lied geworden. Damit ist alles gesagt.
Ein Satz von der Trauung ist mir bis heute auch im Kopf geblieben: „Fahrt nicht in den Hafen. Macht euch nicht erst fest.“
Das gilt für Beziehungen. Und es gilt für die Nachfolge im Familienunternehmen. Stillstand ist keine Option. Entwicklung ist Dauerzustand.
Um Mitternacht sind wir zu „Highway to Hell“ von AC/DC in den Pool gesprungen. Ich mit Brautkleid und alle in kompletter Montur. Das Lied hatte sich ein Gast gewünscht. Wir machten den Spaß mit.
Mein Kleid wurde schwer im Wasser. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, unterzugehen. Bis ich wieder auftauchte. Ein kleiner Kraftakt.
Und genau das ist Nachfolge.
Was 30 Jahre Beziehung mich über Nachfolge gelehrt haben
Nachfolge im Familienunternehmen ist kein wirtschaftlicher Vorgang. Sie ist ein psychologischer Prozess. Sie verändert Rollen. Beziehungen. Machtgefüge. Erwartungen.
Viele Nachfolgerinnen unterschätzen, wie einsam Verantwortung werden kann. Wie stark Loyalitätskonflikte wirken. Wie sehr sich Familie und Unternehmen vermischen.
30 Jahre Beziehung haben mich gelehrt:
Stabilität entsteht nicht durch perfekte Strategien.Sondern durch tragfähige Beziehungen.
Durch Vertrauen. Durch Humor. Durch den Mut, immer wieder aufzutauchen.
Und vielleicht ist die entscheidende Frage im Generationswechsel nicht nur, wie gut dein Businessplan ist. Sondern: Wer bleibt an deiner Seite, wenn es schwer wird?
Ich hatte Hans. Und trotzdem gibt es Themen, die man mit jemand neutrales besprechen möchte. Und Dinge anstoßen, die für die Persönlichkeitsentwicklung sehr wichtig sind. Der Blick von außen gehört immer dazu.
Ich bin heute die Begleiterin, die ich mir selbst als Nachfolgerin damals gewünscht hätte.
Wo stehst du gerade und was brauchst du an Begleitung in der Nachfolge?


