Alexandra Kärgel im türkisen Strickjacke steht an einem Stehpult und arbeitet an ihrem Laptop vor einer Backsteinwand

Loslassen war angesagt: Mein Manuskript ist raus!

Heute war es so weit. Ich habe mein Buchmanuskript weitergegeben für den Buchsatz. Der Text an dem ich in den letzten Monaten so viel gearbeitet habe, liegt jetzt in anderen Händen. Und ehrlich gesagt fühlt sich das gerade komisch an. Gut, aber halt auch komisch und ungewohnt für mich. Bin ich doch eher ein Kontrollfreak. 

Kurz bevor ich es endgültig verschickt habe, kam noch einmal dieser vertraute Impuls, es alles ein letztes Mal durchzugehen. Man findet ja immer etwas, das man noch ändern möchte. Ich habe sogar noch einen ganzen Absatz eingefügt, bevor ich wirklich auf Senden gedrückt habe. Und just in this moment wurde mir schlagartig bewusst, dass jetzt geht nichts mehr. Ich könnte zwar theoretisch noch Alarm schlagen und dafür sorgen, dass vor dem Druck hier und da etwas geändert wird, aber ich glaube nicht, dass das noch Sinn ergeben würde.

1. Irgendwann muss man loslassen

Man könnte ewig weitermachen. Noch einen Satz umstellen, noch ein Kapitel schärfen, noch einmal drüberlesen. Gerade als Autorin und ich als Neu-Autorin merkt man schnell: Es gibt keinen Punkt, an dem sich ein Text zu hundert Prozent „fertig“ anfühlt. Es gibt nur den Punkt, an dem man selbst entscheidet, dass es genug ist. Aber irgendwann ist eben dieser Punkt da, an dem man loslassen muss, damit es überhaupt weitergeht. Heute war dieser Punkt für mich. Und genau dieses Prinzip begegnet mir auch immer wieder in meiner Arbeit mit Nachfolgerinnen: Der perfekte Zeitpunkt für die Übergabe kommt nie von allein. Man muss ihn setzen.

2. Es gibt immer etwas zu optimieren

Das ist mir dabei wieder besonders klar geworden: Es gibt immer etwas zu optimieren. An jedem Text, an jedem Projekt, an jeder Entscheidung, die wir treffen. Wer darauf wartet, dass sich alles perfekt anfühlt, bevor er den nächsten Schritt geht, wartet für gewöhnlich ewig. Diese Erkenntnis ist mir nicht neu, aber sie hat sich heute noch einmal ganz konkret angefühlt. Ich habe mich bewusst entschieden, den Punkt zu setzen, statt weiter zu feilen, auch wenn ein Teil von mir liebend gern noch eine Runde gedreht hätte. Genau diese Entscheidung, den eigenen Perfektionismus zu begrenzen, erlebe ich auch bei vielen Frauen, die ein Unternehmen übernehmen oder übergeben: Der Wunsch, alles noch besser zu machen, bevor man loslässt, ist menschlich, aber er kann eine Übergabe auch endlos hinauszögern.

3. Wie beim Roulette dreht sich die Kugel

Die Würfel sind gefallen, könnte man auch sagen. Erst ist es wie beim Roulette, wenn die Kugel kreist und nichts mehr geht. Genau dieses Gefühl hatte ich in dem Moment, in dem ich auf Senden gedrückt habe. Dabei habe ich gar keine Ahnung von Roulette und habe höchstens mal in Kasinos in Macauo oder Las Vegas mit am Tisch gestanden und die Kugel beobachtet wie sie rollt. Aber die Vorstellung, wenn die Kugel dann rollt, keine Einsätze mehr verändert werden können, passt einfach: Die Entscheidung ist getroffen, und jetzt zählt nur noch, was passiert und nicht mehr, was man sich vorher noch hätte überlegen können. Was mich an diesem Bild fasziniert: Der Moment selbst dauert nur Sekunden, aber die Wochen und Monate der Vorbereitung, die davorliegen, spürt man erst richtig, wenn die Entscheidung getroffen ist und man nichts mehr daran ändern kann.

4. Was ich als Nachfolgerin über das Loslassen gelernt habe

Dieses Gefühl kenne ich eigentlich schon lange, nur aus einer anderen Rolle. In meinem Buch für Nachfolgerinnen geht es an vielen Stellen genau darum: um das Loslassen. Als junge Nachfolgerin musste ich lernen, Verständnis dafür aufzubringen, was es für die abgebende Generation bedeutet, ein Unternehmen, ein Lebenswerk aus der Hand zu geben. Loslassen ist nie leicht, das weiß ich heute. Damals konnte ich mich gedanklich gar nicht wirklich in diese Perspektive hineinversetzen. Niemand hat mir auch nur den Hinweis gegeben, sie einmal einzunehmen. Ich musste sie mir selbst erschließen. Jetzt, wo ich mit meinem eigenen Manuskript loslassen musste, verstehe ich dieses Gefühl noch einmal neu, nur eben von der anderen Seite. Diese Erfahrung von heute ist für mich ein kleines, aber eindrückliches Beispiel dafür, wie viel leichter Übergaben gelingen könnten, wenn beide Seiten, Übergebende wie Übernehmende, früh genug lernen, die jeweils andere Perspektive einzunehmen. Genau daran arbeite ich mit den Frauen, die ich begleite: am Perspektivwechsel, lange bevor der eigentliche Übergabemoment kommt.

5. Kontrollverlust und das ist okay

Ab jetzt habe ich keinen Einfluss mehr auf diesen Teil. Das fühlt sich an wie Kontrollverlust. Und weißt du was: Es ist auch einer. Ich beschönige das nicht. Aber ich lasse es zu, weil es dazugehört. Kontrollverlust hat für mich lange einen negativen Klang gehabt, so als würde man etwas verlieren, das einem zusteht. Mittlerweile sehe ich es anders: Kontrollverlust ist oft die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas Neues entstehen kann. Solange ich an jedem Wort meines Manuskripts festhalte, kann kein Buchsatz daraus werden. Genau das wünsche ich mir auch für jede Übergeberin und jeden Übergeber: dass sie den Kontrollverlust zulassen können, weil erst dann Raum für die Nachfolge entsteht, und für das, was die nächste Generation daraus macht.

6. Der nächste Schritt beginnt

Jetzt liegt mein Manuskript in anderen Händen. Für mich beginnt eine neue Phase: warten, Vertrauen haben und mich auf das freuen, was daraus wird. Meine Vorstellung für das Layout habe ich mitgeliefert. Es ist mein erstes Buch und der Schreibprozess, vom ersten Konzept bis heute zur Abgabe, hat mir sehr viel Freude gemacht. Ich habe auch nochmal viel über mich selbst gelernt. Das sollte man sowieso sein Leben lang machen. Ich bin mir sicher, dass es nicht mein letztes Buch bleiben wird. Loslassen war angesagt. Und ich habe es getan. Wie es mit meinem Buch weitergeht, erfährst du hier auf dem Blog und wenn du keinen Schritt verpassen möchtest, trag dich gern unten in meinen Newsletter ein.

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