Positive Psychologie in der Nachfolge: Warum Stärke wichtiger ist als Perfektion
Ich werde in diesen Tagen 58. Am heutigen Sonntag habe ich mit meiner besten Freundin über WhatsApp geschrieben. Sie hat mir ein Foto geschickt: ihr Enkelkind auf dem Schoß, sie glücklich und lächelnd. Am Ende fragte sie mich: Hast du meine Falten gesehen? Ich hatte sie nicht mal bemerkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Positive Psychologie beginnt damit, sich selbst klarzumachen, was man schon geleistet, erreicht und überwunden hat.
- Lob anzunehmen ist genauso wichtig wie Lob auszusprechen, für sich selbst und für andere.
- Die eigenen Stärken zu erkennen gelingt selten allein. Die richtigen Fragen und ein Blick von außen holen mehr heraus als jedes Gespräch mit Familie oder Freunden.
- Eine sichtbare Übersicht der eigenen Stärken, ausgedruckt und aufgehängt, wird zum inneren Bild, das in jeder schwierigen Situation trägt.
Inhaltsverzeichnis
- Falten oder Ausstrahlung: Worauf schauen wir wirklich?
- Was ist Positive Psychologie eigentlich?
- Warum das für Nachfolgerinnen so wichtig ist
- Wie ich mit meinen Klientinnen daran arbeite
- Das PERMA-Modell: Fünf Säulen für den Nachfolgealltag
- In fünf Schritten mehr Stärke sichtbar machen
- Häufige Fragen zur Positiven Psychologie in der Nachfolge
Falten oder Ausstrahlung: Worauf schauen wir wirklich?
Ich habe heute mit meiner besten Freundin über WhatsApp geschrieben. Wir haben uns gegenseitig Bilder geschickt. Auf ihrem hielt sie ihr Enkelkind auf dem Schoß und lächelte glücklich in die Kamera. Ich habe mich voll auf den Kleinen konzentriert. Am Ende schrieb sie: Hast du meine Falten gesehen? Ich hatte überhaupt nicht darauf geachtet. Sie sah glücklich aus. Für mich hat sie sich nicht verändert. Ich schaue doch nicht mit der Lupe drauf.
Mir geht es genauso. Ich habe in den letzten Wochen drei neue Linien bei mir im Gesicht entdeckt. Nicht ungewöhnlich, ich gehe auf die 60 zu. Aber warum schauen wir eigentlich immer zuerst auf das Negative? Die zufriedene, glückliche Ausstrahlung ist doch viel wichtiger. Das, was meine Freundin schon alles gemeistert hat. Darauf kann sie stolz sein. Und ich auf das, was ich geschafft habe.
Mittlerweile habe ich von mir selbst ein positives Bild. Ich brauche keine Bestätigung mehr von außen. Ich habe es mir selbst erarbeitet und sichtbar gemacht, damit ich mich immer wieder darauf verlassen kann. Meine Stärken, das, was ich geleistet habe, das kann mir keiner mehr nehmen. Genau das sollte jeder Mensch so früh wie möglich für sich parat haben.
Und trotzdem merke ich: Ich muss mich immer wieder daran erinnern. Man driftet ab. So wie heute, als wir über Falten geschrieben haben, die wahrscheinlich sonst niemand bemerkt hätte.
Was ist Positive Psychologie eigentlich?
Genau das ist für mich der Kern von Positiver Psychologie. Nicht die Frage, was noch fehlt. Sondern die Frage, was schon da ist. Was du geleistet hast. Was du erreicht hast. Wo du dich entwickelt hast. Wo du vielleicht einen kleinen Tick besser bist als andere, ohne dass es dir überhaupt bewusst ist.
Begründet wurde diese Forschungsrichtung maßgeblich von Martin Seligman, der jahrzehntelang zu erlernter Hilflosigkeit geforscht hat, bevor er den Blick bewusst umgedreht hat: auf Stärken, Wohlbefinden und das, was Menschen trägt. Sein bekanntestes Modell, PERMA, beschreibt fünf Bereiche, die zum Wohlbefinden beitragen. Dazu gleich mehr. Für mich persönlich ist Positive Psychologie aber vor allem eines: der ehrliche Blick auf die eigene Stärke, den man sich in der Nachfolge viel zu selten gönnt.
Warum das für Nachfolgerinnen so wichtig ist
Eine Unternehmensnachfolge ist kein einzelner Moment der Übergabe. Sie ist ein langer Veränderungsprozess, bei dem zwei Systeme gleichzeitig auf dich einwirken: die Logik des Unternehmens mit ihren Zahlen, Prozessen und Verantwortlichkeiten, und die Dynamik der Familie mit ihren alten Rollen, unausgesprochenen Erwartungen und Loyalitäten. Beides läuft parallel, und beides verlangt volle Aufmerksamkeit.
In dieser Doppelbelastung passiert etwas Typisches: Der Blick verengt sich auf das, was fehlt. Was noch nicht gut genug läuft. Wo man sich noch nicht sicher fühlt. Ich kenne dieses Gefühl, nicht dazuzugehören und eigentlich nichts wirklich zu können, aus eigener Erfahrung sehr genau. Genau hier setzt Positive Psychologie an. Nicht als Beschönigung, sondern als bewusste Ergänzung: Was läuft eigentlich schon gut? Worauf kann ich mich verlassen? Wo bin ich bereits stark?
Man kann Familie oder Freunde fragen, was man gut kann. Ein paar Antworten kommen dabei immer heraus. Aber wirklich in die Tiefe geht das selten. Dafür braucht es einen anderen Blick.
Wie ich mit meinen Klientinnen daran arbeite
In meiner Arbeit nutze ich Onlinetools, die genau das sichtbar machen, was man allein oft übersieht. Ich stelle die Fragen, die noch mehr herauskitzeln als das, was du selbst längst als selbstverständlich abtust. Genau das ist der Unterschied. Nicht die Antworten, die man ohnehin schon kennt, sondern die Stärken, die einem gar nicht mehr als Stärke auffallen, weil man sie schon so lange mit sich trägt.
Am Ende steht eine Übersicht. Man kann sie ausdrucken, sich irgendwo hinhängen. Immer wieder eine Motivation. Ein Bild im Kopf, das bleibt. Egal welche Situation kommt, du weißt, wie stark du bist.
Aus meiner Erfahrung
Ich habe als Nachfolgerin selbst den Einstieg, 30 Jahre Führung und den erfolgreichen Verkauf meiner Anteile durchlebt. In all diesen Jahren gab es Phasen, in denen ich mich an der Spitze auch etwas einsam gefühlt habe. Nicht weil Menschen fehlten, sondern weil mir ein Raum fehlte, in dem ich alles offen aussprechen konnte. Was mir geholfen hat, war nicht, Fehler zu verdrängen, sondern bewusst zu sehen, was ich schon konnte und wer mir wirklich zur Seite stand.
Das PERMA-Modell: Fünf Säulen für den Nachfolgealltag
PERMA steht für fünf Bereiche, die laut Seligmans Forschung maßgeblich zu unserem Wohlbefinden beitragen. Übertragen auf den Nachfolgealltag sehen die fünf Säulen so aus.
- Positive Emotionen: Momente bewusst wahrnehmen, in denen eine Entscheidung gelingt oder ein Gespräch gut verläuft, statt nur den nächsten Punkt auf der Liste abzuarbeiten.
- Engagement: Die Aufgaben finden, bei denen du wirklich in deinem Element bist, nicht nur die, die von dir erwartet werden.
- Beziehungen: Tragfähige Beziehungen aktiv pflegen, im Team, in der Familie und außerhalb des Unternehmens, statt alles allein zu schultern.
- Sinn: Dir klarmachen, wofür du das alles wirklich machst. Nicht nur für den Erfolg oder den Umsatz.
- Zielerreichung: Auch kleine Etappen als echten Erfolg anerkennen, nicht erst den großen Abschluss.
Meine eigene Erfahrung an der Spitze
Als ich das Unternehmen meines Vaters übernommen habe, gab es keine Anleitung dafür, wie man gleichzeitig Tochter, Chefin und Nachfolgerin ist. Ich musste lernen, dass Unterstützung zu holen keine Schwäche ist, sondern eine kluge Entscheidung. Diese Erfahrung und später meine Ausbildung zur Psychologin und MasterCoach haben mir gezeigt: Positive Psychologie wirkt. Sie ersetzt keine klaren Strukturen und Rollen. Sie ist eine Haltung. Und mit dieser Haltung kommt man durch die schwierigen Phasen deutlich leichter durch.
In fünf Schritten mehr Stärke sichtbar machen
- Schreib auf, was du schon geleistet hast. Nicht nur die großen Meilensteine. Auch das, was du selbst längst für selbstverständlich hältst.
- Lass Lob zu. Wenn dir jemand sagt, was du gut gemacht hast, nimm es an, statt es kleinzureden.
- Sprich Lob auch selbst aus. Sag anderen, was an ihnen wirklich stark ist.
- Hol dir einen Blick von außen. Die richtigen Fragen holen mehr heraus, als du allein oder im Gespräch mit Familie und Freunden findest.
- Mach es sichtbar. Eine Übersicht zum Ausdrucken und Aufhängen wird zum Bild im Kopf, das dich trägt, in jeder Situation.
Du steckst gerade selbst mittendrin?
Dann lass uns in einem ersten Gespräch schauen, wo du stehst und was dir jetzt weiterhilft.
Häufige Fragen zur Positiven Psychologie in der Nachfolge
Nein. Positive Psychologie blendet Probleme nicht aus, sie ergänzt den Blick auf Schwierigkeiten um den Blick auf Stärken und Ressourcen.
Nein. Klare Rollen, ein Übergabeplan und rechtliche Klarheit bleiben notwendig. Positive Psychologie macht diesen Prozess leichter tragbar, sie ersetzt ihn nicht.
Es gibt dir fünf konkrete Ansatzpunkte, wenn gerade alles zu viel wird: Wo tut mir etwas gut? Wo bin ich in meinem Element? Wer trägt mich? Wofür mache ich das? Was habe ich schon geschafft? Meist reicht es, sich eine dieser Fragen vorzunehmen.
Am einfachsten mit einem regelmäßigen Rückblick, bei dem du bewusst auch das würdigst, was gut gelaufen ist, nicht nur, was noch fehlt.
Ich nutze Onlinetools, die deine Stärken sichtbar machen, kombiniert mit gezielten Fragen, die mehr herausholen, als du allein oder im Gespräch mit Familie und Freunden findest. Am Ende steht eine Übersicht deiner Stärken. Du kannst sie dir aufhängen, das ist eine Möglichkeit. Vor allem aber hast du sie als Bild im Kopf gespeichert und trägst sie überall und zu jeder Zeit mit dir.
Über mich
Ich habe als Nachfolgerin selbst den Einstieg und den erfolgreichen Verkauf meiner Anteile als Exit durchlebt. Dieses Wissen gebe ich an Nachfolgerinnen in Familienunternehmen weiter.
Familienunternehmen
Nachfolgerin
Businesscoaching


