Du hast die Geschäftsführung im Familienunternehmen übernommen, aber dein Vater sitzt noch jeden Morgen im Büro. Er wollte sich zurückziehen und eigentlich mehr Zeit für sich haben. Wollte verreisen, zum Golfspielen und Bücher lesen. Nun steht er täglich wieder auf der Matte. Ruft Kunden an und stellt deine Entscheidungen vor dem Team infrage. Du fragst dich, ob das normal ist und wie lange du das noch aushältst. Ich kenne diese Situation. Und ich kenne auch die andere Seite.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wenn der Senior nicht loslassen kann, steckt fast nie böser Wille dahinter. Meistens ist es die Angst, mit dem Unternehmen auch einen Teil von sich selbst zu verlieren.
  • Loslassen bedeutet Abschied. Und der wird oft länger zelebriert als es allen gut tut. Es braucht klare Absprachen darüber, wer was entscheidet und ab wann. Es ist natürlich auch weiterhin möglich, dass die ältere Generation im Unternehmen auftaucht.
  • Ich habe Familienunternehmen kennengelernt, wo der Senior früh abgegeben hat und trotzdem bis ins hohe Alter dort mitwirkte, wo es noch passte und sich nie in die Entscheidungen der Kinder eingemischt hat. Loslassen bedeutet nicht gleich rausgeschmissen zu werden.
  • Du kannst das Loslassen nicht erzwingen, aber du kannst es leichter machen, zum Beispiel mit einer neuen, sichtbaren Aufgabe für die abgebende Generation.
  • Als Geschäftsführerin trägst du mit jeder Unterschrift die Verantwortung, auch wenn andere mitreden.
  • Ein Blick von außen, zum Beispiel in einem Coaching, hilft, wenn sich Familie und Firma nicht mehr auseinanderhalten lassen. Wenn die eigenen Bedürfnisse und gegenseitige Erwartungen aufeinanderprasseln.

Warum kann mein Vater die Firma nicht loslassen?

Weil das Unternehmen für ihn viel mehr ist als ein Arbeitsplatz. Es ist sein Lebenswerk, seine Tagesstruktur, sein Platz in der Welt. Ja, irgendwie auch seine Identität. Viele Unternehmer haben 30 oder 40 Jahre lang jeden Morgen gewusst, wofür sie aufstehen. Das gibt man nicht an einem Stichtag einfach so ab.

Der psychologische Blick

Die Psychologie hat dafür einen Begriff. Der Psychoanalytiker Erik Erikson nennt es Generativität, also den Wunsch, etwas weiterzugeben und dabei weiter Bedeutung zu haben. Genau da liegt der Knoten. Dein Vater will, dass das Unternehmen weiterlebt. Gleichzeitig hat er Angst, dass er selbst dabei nicht mehr gebraucht wird.

Dazu kommt oft die Sorge, ob du das schaffst. Das fühlt sich für dich wie Misstrauen an und manchmal ist es das auch. Häufiger ist es aber die Unsicherheit eines Menschen, der noch nie erlebt hat, dass jemand anderes sein Unternehmen führt. Das gilt übrigens genauso, wenn deine Mutter das Unternehmen geführt hat.

Woran erkenne ich, dass der Senior nicht loslässt?

Selten sagt jemand offen, dass er nicht abgeben will. Es zeigt sich im Alltag. Mitarbeitende gehen mit ihren Fragen weiter zu deinem Vater statt zu dir. Er trifft Absprachen mit Kunden, von denen du erst hinterher erfährst. Er korrigiert dich im Meeting vor dem Team. Der Übergabetermin wird immer wieder verschoben, weil gerade „kein guter Zeitpunkt“ ist.

Das macht natürlich etwas mit dir. Du fühlst dich kontrolliert und beobachtet und eben nicht frei. Mit Kunden oder Mitarbeitenden zu sprechen, während er dabei ist, fühlt sich einfach unwohl an. Du wägst jedes Wort ab, weil du weißt, dass er mithört (und hinterher vielleicht noch seinen Kommentar dazu abgibt). Am meisten nervt es, wenn ihr etwas vereinbart hattet und er dann doch plötzlich in der Tür steht. Das kann richtig Stress machen.

Und dann gibt es diesen einen Satz, den ich in vielen Familienunternehmen höre: „Eigentlich will ich kürzertreten, aber irgendwie komme ich nicht dazu.“ Wenn du diesen Satz kennst, bist du nicht allein.

Was passiert, wenn niemand das Thema anspricht?

In der Nachfolge treffen zwei Systeme aufeinander: die Logik des Unternehmens und die Dynamik der Familie. Wenn das Loslassen nicht geklärt ist, vermischen sich beide. Am Küchentisch wird über Investitionen gestritten und im Büro geht es plötzlich um alte Kränkungen.

Das Team merkt das sehr schnell. Es entsteht eine Doppelspitze ohne Absprache und keiner weiß mehr, wer wirklich entscheidet. Deine Autorität bröckelt, obwohl du nichts falsch gemacht hast. Viele Nachfolgerinnen beschreiben mir dann dieses Gefühl, nicht dazuzugehören und nichts zu können. Dabei liegt das Problem nicht bei ihnen, sondern in der ungeklärten Struktur.

Und noch etwas wird gerne übersehen: Als Geschäftsführerin trägst du mit jeder Unterschrift die Verantwortung. Das gilt auch dann, wenn dein Vater im Hintergrund mitentscheidet. Spätestens hier ist Klarheit keine Frage der Harmonie mehr, sondern der Sicherheit.

Wie spreche ich das Loslassen an, ohne die Beziehung zu beschädigen?

Indem du das Gespräch als Unternehmerin führst und nicht als Tochter. Das klingt hart, ist aber genau das, was die Beziehung schützt. Wähle einen ruhigen Rahmen außerhalb des Büros und nimm dir Zeit. Ein Gespräch zwischen Tür und Angel geht fast immer schief.

Fang mit Anerkennung an. Dein Vater hat etwas aufgebaut, das du weiterführen willst. Sag ihm das. Danach sprichst du von dir: was du beobachtest, was es mit dir und dem Team macht, was du brauchst. Vorwürfe führen zu Verteidigung, Ich-Botschaften öffnen eher eine Tür.

Frag ihn auch, was er braucht. Oft kommt da etwas, womit du nicht gerechnet hast. Am Ende sollten drei Fragen geklärt sein, die sich durch jede gute Übergabe ziehen: Wann passiert was? Wer übernimmt welche Aufgabe? Wer entscheidet wirklich?

Welche neue Aufgabe kann die abgebende Generation übernehmen?

Eine, die sichtbar ist, Wert hat und klare Grenzen hat. Wer loslassen soll, braucht etwas, wohin er gehen kann. Ein leerer Kalender macht vielen Unternehmern mehr Angst als jeder Konflikt.

Möglich ist zum Beispiel ein Sitz im Beirat mit klar beschriebenen Rechten. Manche Senioren begleiten für eine begrenzte Zeit langjährige Kunden, damit die Beziehung sauber auf dich übergeht. Andere geben ihr Wissen als Mentor weiter, engagieren sich in Verbänden oder übernehmen ein eigenes, abgegrenztes Projekt. Wichtig ist, dass diese Aufgabe schriftlich festgehalten wird, mit Zeitraum und Zuständigkeit. Sonst wird aus der neuen Aufgabe schnell wieder die alte.

Aus meiner Praxis: Ich kenne beide Seiten

Mit 26 Jahren übernahm ich die Nachfolge im Familienunternehmen meines Vaters. Fast 30 Jahre später verkaufte ich meine Anteile. Ich weiß also, wie es sich anfühlt, wenn du als Nachfolgerin Platz brauchst und ihn nicht bekommst. Und ich weiß auch, wie es ist, selbst abzugeben. Plötzlich fehlen die 150 Prozent, mit denen ich jahrelang unterwegs war. Da entsteht eine Lücke, die gefüllt werden will. Ein neuer Grund, morgens aufzustehen, ist oft nicht sofort da. Gerade in dieser Phase ist es gar keine schlechte Idee, sich coachen zu lassen.

Mein Vater hat sich neue Aufgaben außerhalb des Unternehmens gesucht. Anfangs stand er mir noch beratend im Hintergrund zur Seite.

Diese beiden Perspektiven bringe ich heute in jede Begleitung mit.

In 5 Schritten zu klaren Verhältnissen

  1. Bestandsaufnahme machen: Schreib eine Woche lang auf, wo dein Vater in Entscheidungen eingreift und wie das Team darauf reagiert. So sprichst du später über Fakten und nicht über Gefühle allein.
  2. Das Gespräch vorbereiten: Überleg dir vorher, was du erreichen willst und wo du kompromissbereit bist. Plane bewusst Anerkennung für sein Lebenswerk ein.
  3. Absprachen schriftlich festhalten: Ein Übergabeplan mit Daten, Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnissen schafft Verbindlichkeit für beide Seiten.
  4. Das Team gemeinsam informieren: Wenn ihr die neue Aufteilung zusammen verkündet, weiß jeder, wer ab wann zuständig ist. Das stärkt deine Position mehr als jede Einzelansage.
  5. Regelmäßig nachjustieren: Vereinbart feste Termine, an denen ihr prüft, was funktioniert und was nicht. Loslassen ist ein Prozess und geht nicht von heute auf morgen.

Mehr dazu in meinem Buch

Genau aus diesem Grund heißt mein Buch „Weg frei für Nachfolgerinnen“. Weg frei bedeutet für mich, dass die abgebende Generation loslässt, dass du dich als Nachfolgerin entfalten kannst und dass auch das Umfeld nicht blockiert, also Mitarbeitende, Kunden, Berater, Banken und die Familie. Im Buch geht es um die Beziehung zwischen Eltern und Kindern im Unternehmen, um die Nachfolge als Wandel und um viele Situationen, die ich selbst erlebt habe oder von Nachfolgerinnen kenne. Es ist ein Mutmachbuch, das du nicht von vorne bis hinten lesen musst. Das Buch gibt es gedruckt für 25 Euro.

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Du willst das nicht allein klären?

Wenn du merkst, dass sich die Gespräche mit deinem Vater immer im Kreis drehen, lass uns reden. In meinem Coaching für Nachfolgerinnen bekommst du genau diesen Blick von außen. Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf deine Situation und darauf, was dein nächster Schritt sein kann.

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Häufige Fragen

 

Ist es normal, dass der Vater die Firma nicht loslassen kann?

Ja, das ist sehr verbreitet. Für viele Unternehmer ist das Unternehmen ein Teil ihrer Identität. Wer es abgibt, verliert Struktur, Status und das Gefühl, gebraucht zu werden. Das erklärt den Widerstand, löst ihn aber nicht von allein.

Was mache ich, wenn sich mein Vater ständig in meine Entscheidungen einmischt?

Sprich es offen an, am besten in einem geplanten Gespräch außerhalb des Büros. Beschreib konkrete Situationen und ihre Wirkung auf das Team. Vereinbart danach schriftlich, wer welche Entscheidungen trifft.

Soll der Senior nach der Übergabe noch im Unternehmen bleiben?

Das kann gut funktionieren, wenn seine Aufgabe klar beschrieben, zeitlich begrenzt und für alle sichtbar ist. Ohne diese Klarheit entsteht schnell eine Doppelspitze, die das Team verunsichert.

Wie sage ich meinem Vater, dass er sich zurückziehen soll?

Beginne mit Anerkennung für sein Lebenswerk und sprich dann in Ich-Botschaften darüber, was du brauchst. Frag ihn auch, was er braucht. So wird aus einer Forderung ein gemeinsamer Plan.

Wie lange dauert es, bis die abgebende Generation wirklich loslässt?

Das ist sehr unterschiedlich. Loslassen ist kein Stichtag, sondern ein Prozess über Monate oder Jahre. Feste Termine, an denen ihr die Absprachen überprüft, helfen dabei.

Brauche ich für die Nachfolge eine Begleitung von außen?

Nicht zwingend, aber oft hilft es sehr. Eine neutrale Sparringspartnerin sieht Muster, die man von innen nicht erkennt, und bietet einen geschützten Raum für Themen, die man weder mit der Familie noch mit dem Team besprechen kann. Unterstützung zu holen ist keine Schwäche.

Wann hilft mir als Nachfolgerin ein Business Coaching?

Immer dann, wenn sich Familie und Firma nicht mehr auseinanderhalten lassen und die Gespräche mit deinem Vater im Kreis laufen. Ein Business Coaching in der Unternehmensnachfolge ist eine persönliche Begleitung, in der du deine Rolle, deine Grenzen und deine nächsten Schritte klärst.

Was ist der Unterschied zwischen Business Coaching und Unternehmensberatung in der Nachfolge?

Eine Unternehmensberatung schaut auf Zahlen, Verträge und Steuern. Im Business Coaching geht es um dich, um deine Rolle als Nachfolgerin, um die Beziehung zu deinem Vater und darum, wie du führst. Bei mir fließt beides zusammen, weil ich fast 30 Jahre selbst Unternehmerin war und heute als Psychologin arbeite.

 

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In meinem Newsletter teile ich Erfahrungen und Impulse zu den Themen, die Nachfolgerinnen wirklich beschäftigen. Manches davon ist persönlicher als hier im Blog.

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Über mich: Alexandra Kärgel

Ich bin Nachfolge-Expertin, Psychologin (MSc.) und MasterCoach. Mit 26 Jahren übernahm ich die Nachfolge im Familienunternehmen meines Vaters. Fast 30 Jahre später verkaufte ich meine Anteile. Ich kenne beide Seiten der Nachfolge, und mit 30 Jahren unternehmerischer Praxis begleite ich heute Nachfolgerinnen in Familienunternehmen im Business Coaching mit meinem Konzept NextGenPro Nachfolge®. Ich bin die Nachfolgebegleiterin, die ich damals selbst gebraucht hätte. Nachfolge steht dir gut.

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